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9. Überarbeitung, Krankheit und das Altern
Müller hat viel Freude an seiner Familie, zunehmend weniger an der Arbeit als Schriftsteller, weil er sich in wachsendem Maße von nachlassender Schaffenskraft, der Konkurrenz auf dem Literaturmarkt, vom Themen- und Poetikwechsel in der Literaturentwicklung und einer fortlaufend steigenden Teuerungsrate der Lebenshaltung bedrängt sieht. Es sind aber nicht nur die Arbeitsbelastung und die Familienversorgung, die ihn krank machen. Es sind auch die spießigen Verhältnisse in der ländlichen Kleinstadt Itzehoe. Müller meidet die sich gebildet gebenden, geltungsbedürftigen Honoratioren und sucht den gesellschaftlichen Umgang mit "wenigen, aber guten, […] nicht gelehrten, aber schätzbaren Menschen", wie er im Roman Emmerich 1787 schreibt.

Auch wenn er seinen Heimatort mit bitterem Unterton als "Ratzennest" (1795) und "Lumpenneste" (1815) "in diesem Kartoffel-Lande" Schleswig-Holstein (1815) ironisiert, in dem schlimmere Verhältnisse herrschen als in "Schilda und Schöppenstedt" (1821), so steht er doch immer dann zur Verfügung, wenn es beispielsweise darum geht, in Kriegszeiten als Dolmetscher zu fungieren oder bei der Gründung der ersten Zeitung, dem Itzehoer Wochenblatt (1817), auf Grund seiner publizistischen Erfahrungen mitzuhelfen.

Die Frage danach, ob Müller tatsächlich zum Dr.phil. promoviert worden ist, läßt sich inzwischen beantworten. Der Kunsthistoriker Wilhelm Gottlieb Becker aus Dresden redet in einem Brief vom 15. September 1795, auf den Müllers Biograph Hans Schröder 1841 verweist, den Itzehoer mit dem akademischen Titel an, weil er davon gelesen habe. Müller benutzt ihn in einem Brief vom 31. Mai 1798 an den Verleger Vieweg in Braunschweig.
Unterschrift
Im gräflichen Mieteinnahmebuch wird der Literat ab 1802 als "Dr. Müller" geführt. Der Versteigerungskatalog seiner Bibliothek von 1829 trägt die Überschrift Verzeichniß der von dem Herrn Dr. Ph. Joh. Gottw. Müller in Itzehoe hinterlassenen Bibliothek, […]. Bei Schröder heißt es, wenn Müller überhaupt promoviert worden sei, wozu er keinen Beleg kenne, dann müsse es wohl in den 1790er Jahren geschehen sein. Es kann als wahrscheinlich angenommen werden, daß Müller durch die Vermittlung seines Freundes, des Professors Lichtenberg, im Sommer 1783 zum Magister der freien Künste durch die Göttinger Universität promoviert worden ist.

Spätestens von Mitte der 1780er Jahre an, als er sich und seine Familie fast ausschließlich von den Honoraren der Schriftstellerei ernährt, arbeitet er über Jahrzehnte ohne größere Pausen. "Ich habe auf dieser Welt nichts als meine Feder, und hingegen 11 Menschen zu ernähren," schreibt Müller am 5. Dezember 1791 an seinen Berliner Verleger Friedrich Nicolai. Zwar pocht er noch am 30. November 1789 gegenüber dem Verleger Dieterich in Göttingen auf seine Eigenständigkeit: "Ich bin auf meine Unabhängigkeit eifersüchtiger als auf das bißchen Celebrität; ich bin freygebohrner Hamburger, und lasse meine Freyheit durch nichts unter Gottes Sonne beschränken." Diese Feststellung jedoch verschleiert, daß sein Lebenskonzept längst aus der Balance geraten ist.

Müllers Gesundheitszustand verschlechtert sich im Laufe der Jahre. Dauernde finanzielle Not und die Angst, seine große Familie nicht mehr ernähren zu können, und das daraus resultierende unentwegte Arbeiten mit täglich neunzehn Stunden am Stehpult führen zur beständigen psychischen Belastung und körperlichen Überanstrengung.

Zusätzlich zu einer nicht heilenden Fußwunde (ulcus cruris) leidet Müller von 1777 an bis zum Lebensende 1828, häufig über Monate bettlägerig, an sich wiederholendem Durchfall (colitis), blutiger "Hämorrhiadalkolik" (Hämorrhoiden), nahezu ununterbrochener "Hemicranie" (Spannungskopfschmerz), an "Krampfhusten" (Bronchitide) mit "Brustfieber" und wiederkehrenden 'Augenschmerzen' (Iritis). Die briefliche Klage dem Verleger Friedrich Nicolai gegenüber vom 20. April 1795 kennzeichnet seine schwierige Existenz als freier Schriftsteller: "Konnten Sie das würklich so gewiß vorher sehen. daß ich aus den leidlichsten Gesundheitsumständen auf einmal in die unerträglichsten fallen, und in so langer Zeit nicht aus dem Bette kommen würde? – Daß Arzt und Wundarzt mir bey Strafe der Unheilbarkeit alles Denken, Schreiben, Lesen, Aergern, - Freuen sogar, untersagen würden? […] Ihnen kann das nur unangenehm seyn, für mich ist es ein Unglück; die Zeiten sind beynahe 3fach theuer, das Krankseyn kostet, die Apotheker= und Menschenflickerrechnungen fegen den Beutel, mein Sohn geht nach Göttingen etc. etc. etc. und statt alle diese Erfordernisse verdienen zu können, liege ich hier in doloribus […]."

Mitte der 1790er Jahre verschlechtert sich seine Lage derart, daß er die Lebensorganisation als freier Schriftstellers aufgibt und den dänischen Hof um Unterstützung anruft. Die "Finanzen sind sehr erschöpft", bilanziert er zwischen 1791 und 1793 an Nicolai, er sei "so arm wie ein Poet".
Es ist unklar, wer die Unterlagen 1794 oder 1795 an den Ministerpräsidenten und Leiter der Deutschen Staatskanzlei Bernstorff (1784-1797) und die Finanzverwaltung weiterreicht.
Aber 1796 gewährt ihm der dänische Hof eine jährliche Pension von 200 Reichstalern, die nach dem Tode Klopstocks 1803, der gleichfalls alimentiert worden ist, verdoppelt wird.
Von 1810 an kümmert sich der inzwischen verwitwete Müller vor allem um die Erweiterung und Organisation seiner Bibliothek, die wahrscheinlich inzwischen sämtliche Räume seiner Wohnung ausfüllt. Die Tochter Karoline, genannt Minna, führt ihm nach dem Tod seiner Frau Johanna den Haushalt. Er stirbt, mit 88 Jahren hochbetagt, am 23. Juni 1828.
Die Beerdigung findet auf dem Friedhof der benachbarten Gemeinde Münsterdorf statt, im gräflich rantzauischen Verwaltungsbereich.
Sein Gedenkstein, auf dem Kirchberg, steht wenige Schritte neben dem seines Gönners Konrad Graf zu Rantzau entfernt: "Sag’s dem Wand’rer / hier ruht: / Dr Joh. Gottw. Müller, / geb. zu Hamburg 17 May 1743, / gest. zu Itzehoe 23 Juni 1828."


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