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7. Gelehrter, Verlagsbuchhändler und Schriftsteller in Itzehoe 1773 bis 1828
Müller zieht zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter Charlotte und seiner Schwiegermutter 1773 nach Itzehoe. Er kommt in die ländliche Kleinstadt als medizinisch und universal gebildeter junger Mann, als vielsprachiger und gelehrter Schriftsteller, als idealistischer Aufklärer, vertraut mit dem Verlagsbuchhandel, dem Literaturmarkt und der literarischen Entwicklung.

Das intellektuelle und soziale Milieu in dem unauffälligen Städtchen an der Stör ist bescheiden. Die Gemeinde mit ihren rd. 3700 Einwohnern wird von Kleinbürgern mit geringer Kaufkraft geprägt, die in Handel, Handwerk und den üblichen Dienstleistungen für den Tagesbedarf tätig sind. Seit den verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges, des Brandes von 1657 und der Pest von 1712 hat sich Itzehoe wirtschaftlich nicht wieder erholt. Müller wird diese Umstände vermutlich mit Stirnrunzeln wahrgenommen haben. Dennoch muß es Ursachen dafür gegeben haben, daß er diesen Ort für eine neue Existenzgründung gewählt hat. In einem Brief an seinen Hamburger Freund vom 16. August 1825 beklagt er die unhygienischen Verhältnisse von Stadt und eigener Wohnung: "Diese ganze Straße wimmelt von Ratzen und Mäusen, besonders meine Stube, in der sie stets reichlich Nahrung finden, so daß ich nie erlebt habe, daß sie mir Kleider oder Bücher angefressen hätten, und an derselben Stelle hängt seit länger als 20 Jahren beständig, die Nacht über, das Klleid welches ich am Tage anhatte. Nun stehn freylich in allen Winkeln Mausefallen, aber so ergiebig diese auch sind, so verschlägt das doch nichts."

Vermutlich haben ihn die privat und geschäftlich unerfreulichen Erfahrungen mit seinem Schwiegervater Hechtel und dem Bankrott in Hamburg dazu veranlaßt, die überschaubaren Verhältnisse in der Provinz zu suchen. Außerdem erlebt das Königreich Dänemark von 1730 bis 1808 unter den Königen Christian VI., Friedrich V. und Christian VII. – wegen seiner Geisteskrankheit in Regierungsgeschäften durch den Kronprinzregenten vertreten, den späteren König Friedrich VI. (ab 1808) – eine lange Periode des Friedens und der wirtschaftlichen Prosperität, ursächlich verbunden mit der Neutralitätspolitik, einer moderat reformierten Ständegesellschaft und Aufhebung der Leibeigenschaft. Dänemark, ein Modell für den aufgeklärten Absolutismus, garantiert außen- und innenpolitisch die "Ruhe des Nordens".

Dänische Könige 1730 bis 1839
Diese Umstände im dänischen Gesamtstaat versprechen ihm diejenige staatliche Toleranz und publizistische Freiheit, die er als Vorbedingung seiner aufklärerischen und literarischen Tätigkeiten benötigt. Das Königshaus, die Regierung und die Deutsche Kanzlei, zuständig für die Verwaltung der Herzogtümer Schleswig und Holstein, zeigen sich aufgeschlossen gegenüber der deutschen Literatur, wie es u.a. die finanzielle Förderung der berühmten deutschen Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock und Friedrich Schiller veranschaulicht.

Mangelhafte Bildung, unzulängliche Leseerfahrung, das fehlende Angebot von Büchern und eine weiter verbreitete Untertanenmentalität als in den großen Städten, die er kennt, versteht er vermutlich als politische und ethische Herausforderung an sich als Mitglied der 'Gelehrtenrepublik', einer ideellen Gemeinschaft jener der Aufklärung verpflichteten Intellektuellen, im Interesse von Öffentlichkeit und Bildung erzieherisch tätig zu werden. Er entscheidet sich so, um unabhängig von einem Amt oder mäzenatischer Unterstützung für die Belehrung des Bürgers in der Provinz zu wirken, ihn zum Lesen zu bringen, sein Wissen zu erweitern, öffentliche Diskussionen möglich zu machen und so politische Mündigkeit zu befördern.

Das scheint ihm möglich, denn auch Itzehoe verfügt über eine bürgerliche Honoratiorenschicht. Das Offizierkorps und die Militärärzte der örtlichen Garnison, die Apotheker, Ärzte, Juristen, Pastoren, wohlhabenden Kaufleute, der verbürgerlichte Landadel und die gebildeten Großbauern, auch die adlige Familie derer zu Rantzau auf dem nahen Schloß Breitenburg bilden die Klientel, an die er sich wenden kann. Darüber hinaus hofft er auf wirtschaftliche Chancen in einer Stadt und einer Region, buchhändlerisch und verlegerisch arbeiten zu können, zumal es im nahen Glückstadt die renommierte Verlagsdruckerei Augustin gibt und durch Itzehoe die schnelle Postverbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen verläuft.

In Itzehoe gelingt ihm ab 1773 bis Anfang der achtziger Jahre die Organisation von unabhängig praktizierter Aufklärung in der dreifachen Rolle als Autor, Buchdistributor und Lesererzieher. Neben seinen Literatenkollegen Christian Fürchtegott Gellert und Friedrich Gottlob Klopstock verkörpert Müller beispielhaft den freien Schriftsteller, der ausschließlich von Honoraren lebt. Über viele Jahre repräsentiert er innerhalb der europäischen Spätaufklärung den Typus des enzyklopädisch gebildeten, polyglotten Gelehrten.
Müller wechselt zwischen 1773 und 1781 dreimal die Wohnung. In seinem endgültigen Domizil, dem gräflichen Gebäude an der Beekstraße, belegt er bis zum Tode 1828 wahrscheinlich die Parterrewohnung. Ich "behelfe [...] mich mit Weib, Schwiegermutter und 7 Kindern in 6 Stuben, die zum Theil sehr klein sind." (Müller an Nicolai 24. März 1791) Seine Mietzahlung, verzeichnet im gräflichen "Cassen-Geldregister", beträgt für den bis 1802 als "Buchführer", d.h. als Buchhändler, dann als "Dr. Müller" bezeichneten Mieter 28 Reichstaler, die bis 1818 unverändert bleibt. Erst von diesem Jahr an gewährt ihm Konrad Graf zu Rantzau Mietfreiheit, die 28 Reichstaler aber weiterhin verbuchend. Nach seinem Tod 1828 übernimmt die Tochter Charlotte, die verwitwete "Frau Professorin Thieß", die Wohnung bis 1834 und lebt dort gleichfalls mietfrei. In dem Haus befinden sich noch zwei weitere Wohnungen. Während der 47 Jahre, die Müller in der Beekstraße verbringt, lebt er mit vierzehn Mitbewohnern wechselnder Berufe zusammen, darunter zwei Perückenmacher, ein Doktor Hasche und ein Klaviermeister.

Sein Leben verläuft ruhig. Er reist selten. Die meisten Fahrten führen ihn zu Bekannten nach Glückstadt, zu Verwandten nach Bordesholm, Altona und Hamburg. Von seinen wenigen Fernreisen sind nur bekannt der Besuch im Frühsommer 1783 bei dem Verleger Dieterich und dem Schriftsteller Lichtenberg in Göttingen und 1801 ein Aufenthalt in Leipzig. Den regelmäßigen Einladungen der gräflichen Familie zu Rantzau auf das Schloß Breitenburg und nach Rosdorf folgt er pflichtgemäß:"[…] den Morgen bin ich auf Breitenburg, um dem Könige meine Schuldigkeit zu beweisen, der freylich erst Nachmittags kömmt: aber ich soll bey dem Grafen frühstücken u. zu Mittag essen." (22. Mai 1825)

Entscheidende Ursache dafür, daß Müller den Ort selten verläßt, sind das unentwegte Arbeiten und der zeitlebens beklagte Geldmangel. Auch wenn seine Briefe und Romane Hinweise zu seinem Honoraraufkommen enthalten, so läßt sich sein Einkommen nicht zuverlässig zu berechnen. Es ist aber anzunehmen, daß es nicht bemerkenswert hoch gewesen ist und unzuverlässige Zahlungen der Verleger ihn immer wieder in finanzielle Notsituationen bringen. Die Ausgaben für den Lebensunterhalt einer Familie mit zeitweise elf Personen, wozu nach dem Tode des Schwiegervaters auch dessen Witwe Maria Salome Hechtel gehört, sind groß. Hinzu kommen die Aufwendungen für Wohnungsmiete, Arztkosten, Porti und seine umfangreichen Buchanschaffungen, so daß die Kosten nur mit Mühe aus den laufenden Einnahmen, durch Vorschüsse, Kredite von Bekannten und Schulden zu decken sind.

Entsprechend dem aufklärerischen Verständnis von der Individualität des Menschen und seiner Persönlichkeitsentfaltung in einer offenen Bürgergesellschaft hat Müller durch eine umfangreiche Korrespondenz geschäftliche und freundschaftliche Kontakte gepflegt, von der lediglich Teile überliefert sind.

Zu seinen Briefpartnern zählen Verleger in Altona, Amsterdam, Berlin, Braunschweig, Bremen, Frankfurt am Main, Göttingen, Hamburg und Leipzig, die Literatenkollegen Heinrich Christian Boie, Adolf von Knigge, Georg Christoph Lichtenberg – der auch Patenonkel von Müllers Sohn Carl Johann Georg ist – , August Gottlieb Meißner, Johann Heinrich Voß u.a.

Briefpartner Lichtenberg, Voß, Knigge und Boie
Er hat ein gastfreundliches Haus gepflegt, durchreisende Gäste empfangen, von denen nur wenige bekannt sind, darunter der Schriftsteller August Gottlieb Meißner aus Prag im Jahre 1792 und sein Berliner Verleger Nicolai, der ihn im Sommer 1794 besucht.

Müller ist sich des Dilemmas seiner Situation in der provinziellen Kleinstadt bewußt, in der es – nach seiner Einschätzung – außer dem Konsistorialrat Christian Hieronymus Kramer (1721-1794) keinen ihm intellektuell gleich gebildeten Gesprächspartner gibt. Er teilt das Urteil seines Plöner Briefpartners von Schmettow, daß sich Itzehoe und "Plön […] zur Gelehrtenrepublik wie Sibirien zu Petersburg" (1791) verhalten. Mehrfache Bemühungen um ein Amt mit fester Besoldung in anderen Regionen Deutschlands schlagen fehl. Aus Geldmangel vermag er nicht zu reisen, um sich in größeren Städten nach Möglichkeiten der beruflichen Absicherung umzuschauen. So sieht er sich dazu verurteilt, in diesem Ort zu bleiben und von hier aus den Kontakt zur Literaturentwicklung und zum Literaturmarkt im deutschen Sprachraum zu halten.


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