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1. Vorbemerkung
Am 16. Juli 1796 schreibt der angesehene Physiker und Literat Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) aus der Universitätsstadt Göttingen an seinen Freund, den Itzehoer Schriftsteller Johann Gottwerth Müller: "Ueber die Unerschöpflichkeit Ihres Genies, theuerster Freund, muß ich in Wahrheit erstaunen. Sie tragen in dem kleinen Itzehoe ein gantzes London in Ihrem Kopf. Sagen Sie mir doch, wie Sie das anfangen, und was für eine Herschelsche Erfindung Sie gemacht haben, daß Sie an Ihrem geringen Wohnort so tief und so richtig in die Welt hineinschauen, daß die Umfahrer und Umsegler derselben hinter Ihnen zurückbleiben."

Lichtenberg fällt ein treffsicheres und gültiges Urteil. Er erkennt die besonderen Umstände von Müllers Existenz in dem kleinen Provinzort im dänischen Holstein. Mit seinem Kompliment respektiert er, daß es dem populären Romanautor gelingt, mit außergewöhnlichem Wissen, wie es die Weltstadt London verkörpert, sowie mit dem Weitblick eines Astronomen Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822) und der Weltreisenden Kluges und Hilfreiches über die Menschen und die Welt zu sagen. Und darum ist es auch keine Ironie oder nur humorvoller Einfall, wenn Lichtenberg seine Post an den Freund in Itzehoe besonders adressiert: "Herrn Gelehrten Müller in Itzehoe", "An den Herrn Müller berühmten Buchhändler in Itzehoe" und "An Herrn Fielding=Müller in Itzehoe", eine Anspielung auf dessen Schreibtradition in der Nachfolge des berühmten englischen Autors Henry Fielding.

Wer sich in Itzehoe nach dem bedeutenden Mitbürger erkundigt, der erhält keine zufriedenstellende Auskunft.
Zwei wissenschaftliche Sammelbände von 1978 und 1986 sind seinem Leben und Werk gewidmet.

Neben dem Haupteingang des Kreismuseums im Prinzeßhof befindet sich ein Reliefporträt von 1978, angefertigt von dem Hamburger Bildhauer Fritz Fleer (1921-1997). Im Museum selbst bleibt er weitgehend unbeachtet.
Das Kreis- und Stadtarchiv bewahrt einige Bücher und Materialien auf. Eine Nebenstraße an der städtischen Peripherie trägt seinen Namen.
Der Grabstein steht neben der Kirche Münsterdorfs, einer nahen Nachbargemeinde.

Die bisherige Annahme, daß Müller in dem Teil der Bekstraße, der als schmale Gasse von der Kirchenstraße abzweigt, zwischen 1773 und 1828 gewohnt haben soll, ist unzutreffend.
Gedenkplatte
Beide Gedenktafeln, angebracht an gegenüberliegenden Häusern, sind irreführend.

Im Jahre 1773 läßt sich Müller in Itzehoe nieder. Die Anschrift dieser ersten Wohnung ist nicht bekannt. Vier Jahre später, am 26. April 1777, bezieht Müller für 19 Reichstaler Miete pro Jahr eine neue Unterkunft im Haus von Johann Diederich Waller, einem wohlhabenden Itzehoer Bürger, in der Feldschmiede. Auch diese Unterkunft konnte bislang nicht lokalisiert werden. Nach weiteren vier Jahren, am 29. September 1781, mietet er sich in das der breitenburgischen Jurisdiktion zugehörige gräflich-rantzauische "Herrschaftliche Gebäude in der Be[e]kstraße" ein, ein zweigeschossiges Fachwerkhaus, wo er bis zu seinem Tode am 23. Juni 1828 wohnen bleibt. Nach Recherchen im "Cassen-Geldregister von der Herrschaft Breitenburg" (1781ff.) durch den vormaligen Archivar Otto Neumann sind unter der Rubrik "Meierhöfe und Häuser" auch die Mietzahlungen von Müller verzeichnet. Das Haus befand sich vermutlich in dem Teil der Beekstraße, der heute den Namen Ölmühlengang trägt.
Stadtplanausschnitt
Stadtplan von Itzehoe 1848 (Ausschnitt)

Das damals einzige Gebäude an der Straße erlaubt Müller im Winterhalbjahr den freien Blick hinunter zur Stör und auf die Marschen. Weil es, ungeschützt von Nachbarhäusern, dem Westwind mit Sturm und Regen ausgesetzt ist, klagt er kontinuierlich darüber, daß die Außenwände seiner Wohnung, Fachwerkmauern mit Stroh- und Lehmfüllung, vor extremen Witterungsumständen nur unzureichend schützten und jährlich ausgebessert werden müßten.

Wer ist dieser Mann, dem es vom Rand des deutschen Literaturraumes her gelingt, im späten 18. Jahrhundert und um die Jahrhundertwende zu den bekannten Erfolgsschriftstellern und berufspolitisch besonders engagierten Literaten zu zählen?


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